Ungleichheit kann tödlich sein

Von Susanne Kapfinger, Ökonomin und Leiterin Redaktion AWP Soziale Sicherheit

Die OECD hat bereits vor einem Jahr davor gewarnt: Die Corona-Pandemie verschärft die soziale Ungleichheit. Das hat nun auch die Konjunkturforschungsstelle (KOF) der ETH Zürich für die Schweiz bestätigt. In einer ersten Analyse der Verteilungswirkungen der Covid-19-Pandemie haben die Forscher den Einfluss der Krise auf das Einkommen, die Ausgaben, die Ersparnisse, das persönliche Wohlbefinden und die Gesundheit der Haushalte untersucht. Die Zahlen sprechen eine klare Sprache und legen eine gefährliche Entwicklung offen.

Demnach müssen Haushalte mit einem Einkommen von unter 4000 Franken wegen Kurzarbeit oder Arbeitslosigkeit mit durchschnittlich 20 Prozent weniger Lohn auskommen. Mit weniger Einkommen ist ein Drittel der Angestellten im Tieflohnsektor konfrontiert. Jeder zweite Geringverdiener muss seine Ersparnisse plündern, um laufende Ausgaben zu decken, und jede neunte Person hat sich verschuldet. Frauen leiden stärker als Männer unter der Pandemie, weil zwei Drittel der Tieflohnbezüger weiblich sind. 

Konträr: Ersparnisse steigen

Bei Personen aus Haushalten mit einem Monatseinkommen von mehr als 16 000 Franken sind die Einkommen dagegen im Schnitt um nur 8 Prozent gesunken. Von den Einkommenseinbussen betroffen war ein Sechstel der Befragten. Jeder zweite Haushalt mit den höchsten Einkommen konnte sogar mehr sparen. Daher kann erwartet werden, dass die Pandemie nicht nur die Einkommens­ungleichheit, sondern auch die Vermögensungleichheit verschärft.

Personen mit tiefen Einkommen waren nicht nur finanziell, sondern auch gesundheitlich stärker von der Pandemie betroffen als reichere Haushalte. So hat sich die subjektive Gemütsverfassung seit Ausbruch der Pandemie im letzten Frühjahr bei Personen mit tiefen Einkommen trotz zwischenzeitlichen Lockerungen stetig verschlechtert. Personen aus einkommensstarken Haushalten ging es während den Sommermonaten dagegen markant besser. 

Konjunktur stützen

Beim Konsum fällt auf, dass die Ausgabenreduktion über sämtliche Einkommensklassen hinweg etwa gleich ausfiel: mit 16 Prozent im oberen Einkommenssegment und 12 Prozent im unteren. Unterschiedlich sind allerdings  die Motive für die Ausgabenreduktion: Reichere Haushalte reduzierten ihre Ausgaben, weil sie weniger Möglichkeiten hatten, Geld auszugeben. Ärmere Haushalte taten dies, weil weniger Geld zur Verfügung stand. 

Trotz dieser Ausgabenreduktion war der Konjunktureinbruch weniger ausgeprägt als vermutet. Kurzarbeitsentschädigung und Härtefallmassnahmen haben geholfen, das Schlimmste abzuwenden. Die Verteilungswirkungen der Covid-19-Pandemie zeigen trotzdem in die falsche Richtung. 

Bessere Verteilung macht Sinn

Einkommensungleichheiten sind gefährlich. Sie schwächen nicht nur die nachhaltige Entwicklung eines Landes, sondern machen es auch anfälliger für Pandemien. Der Gesundheitsökonom John Wildman hat OECD-Länder miteinander verglichen und stellt fest: Je grösser die Einkommensungleichheit ist, desto mehr Covid- und Todesfälle treten pro pro Million Einwohner auf. Wenn der Gini-Koeffizient – das statistische Mass für Ungleichverteilung – um 1 Prozent steigt, ist damit ein Anstieg an Covid-Fällen um 4 Prozent und ein Anstieg an Todesfällen um 5 Prozent verbunden.

Diese Ergebnisse zeigen, wie wichtig es ist, die Lücke in der Einkommensungleichheit zu schliessen und die Gesundheit und das Einkommen der ärmsten und am stärksten gefährdeten Gruppen zu verbessern – im Interesse aller.

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