Solidarität statt Generationenkampf

Die Alten leben auf Kosten der Jungen, wird oft behauptet. Dies entspricht aber nicht den Tatsachen. Meine Erfahrung zeigt, dass die finanziellen Leistungen der Senioren als langjährige Steuerzahler und Beitragszahler zu den sozialen Sicherungssystemen sowie ihre Lebensarbeit für die Volkswirtschaft die Generationenbilanz ausgleichen. Trotzdem muss festgestellt werden, dass die Ausgaben für Sozialleistungen drastisch angestiegen sind und weiter steigen werden. Die nominalen Gesamtausgaben im Bereich der sozialen Sicherheit betrugen laut aktueller Berechnung des Bundesamts für Statistik 170,9 Milliarden Franken (2013). Davon waren 90% oder knapp 153,6 Mrd CHF Sozialleistungen. Im Vergleich zu 1990 haben sie sich real mehr als verdoppelt. Diese Zahlen machen deutlich: Da liegt sozialer Sprengstoff. Wenn es um die Verteilung der finanziellen Mittel beziehungsweise der Sozialkosten geht, sprechen deshalb Soziologen vom künftigen Generationenkrieg.

Biologischer und sozialer Lebenslauf

Eine der Ursachen für die Schieflage im Generationenverhältnis liegt in der Asymmetrie von biologischem und sozialem Lebenslauf. Während sich der biologische Lebenslauf heute infolge früherer Reifung und längerer Lebenserwartung ausdehnt, verkürzt sich die soziale Biographie durch verlängerte Ausbildungszeiten und frühere Verrentungen (Frühpensionierung). Diese Asymmetrie bringt die Mechanik des Generationenvertrages durcheinander und stellt die «Normbiographie» infrage. Zusätzlich verstärkt wird die Asymmetrie durch die steigende Anzahl der Hochaltrigen (über 80 Jährige). Da in zukünftigen Gesellschaften mehrere Generationen immer länger miteinander zusammenleben werden (multigenerationelle Gesellschaften), verdienen die expandierenden Beziehungsformen und Aufgabenverteilungen besondere Aufmerksamkeit.

Notwendige Veränderungen

Bei der steigenden Asymmetrie der Lebensläufe wird der Ruf nach Veränderungen laut: Die ältere Generation, die Sicherheit und einen Fortbestand ihres Lebensstils erwartet, muss frühzeitig einen eigenständigen und eigenverantwortlichen Beitrag zur (Gesundheits-)Prävention leisten. Wenn dadurch ein Krankheits- oder Pflegefall zeitlich hinausgeschoben wird, bedeutet dies, einen Beitrag zur eigenen Lebensqualität und ist eine Kostenentlastung der jüngeren Generationen. Angesagt ist auch lebenslanges Lernen. Dies ermöglicht die Erhaltung kognitiver Fähigkeiten – auch für den Fall, dass Ältere infolge der demographischen Entwicklung für den Arbeitsmarkt wieder reaktiviert werden müssen. Ausserdem müssen Frühpensionierungen auf ein Mindestmass reduziert werden. Dazu sollten Altersarbeitsplätze mit steuerlichen Vergünstigungen oder Subventionen als Anreiz geschaffen werden. Weiter muss das Senioritätsprinzip zur Disposition gestellt werden, wie auch die starren Altersgrenzen. Schliesslich muss das Pensionierungsalter – wenn es schon einer Grenze bedarf – auf 72 oder 75 Jahre angehoben werden.

Generationenpolitik

Dies zeigt: Der Handlungsbedarf ist gross. Eine Leitidee politischen Handeln muss deshalb das Postulat der Generationenverträglichkeit werden. Die Generationenpolitik der Zukunft soll die Partizipationsgerechtigkeit in den Vordergrund stellen. Das heisst: Die gesellschaftlichen Verhältnisse müssen die freie Entfaltung der Persönlichkeit aller ermöglichen, unabhängig von Alter und Geschlecht.  

* Professor Helmut Bachmaier ist Kulturgerontologe (Alternsforscher) an der Universität Konstanz sowie wissenschaftlicher Berater und Stiftungsrat der Tertianum, Immobiliendienstleister für Senioren.

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