Länger leben - länger arbeiten

Von Susanne Kapfinger, Ökonomin und Leiterin Redaktion AWP Soziale Sicherheit

In Japan gilt Rentenalter 65. So steht es im Gesetz. Im Alltag aber gelten andere Regeln. Seniorinnen und Senioren bleiben weit über das Rentenalter hinaus auf dem Arbeitsmarkt: Sie bewachen Parkplätze, helfen auf Baustellen, putzen Treppen im Rathaus, verteilen Strafzettel. Tatsächlich ist jeder vierte Rentner in Japan erwerbstätig, im Alter zwischen 65 und 69 Jahren sogar jeder zweite. In der Schweiz arbeiten dagegen kaum 2 Prozent der 65-Jährigen über das Rentenalter 65 hinaus. Weshalb dieser Unterschied?

 

Japan schrumpft - Schweiz wächst

Der Japanvergleich deckt Unterschiede auf, aber auch Gemeinsamkeiten und wirft einen Blick in die Zukunft. Die Gemeinsamkeiten: Den 65-Jährigen stehen im Durchschnitt rund 22 Lebensjahre  bevor. Laut Projektion der Denkfabrik World Demografic & Ageing (WDA) Forum kommen bis 2035 weitere zwei Jahre hinzu. Die Bevölkerung altert gesund und das gesetzliche Rentenalter beträgt 65. 

 

Der Unterschied: Japan schrumpft und die Schweiz wächst. Bis 2035 sinkt die Einwohnerzahl Nippons um 7 Prozent, während hierzulande 8 Prozent mehr Menschen leben werden. Pro Jahr sterben 700 000 Japaner, die Geburtenrate ist niedrig und es gibt kaum Migration. Japan entwickelt sich zum Altersheim. Staat und Wirtschaft müssen reagieren, weil Arbeitskräfte fehlen. Der Druck ist in der Schweiz viel geringer. 

 

Altersarbeit sozial fördern

Viele japanische Ökonomen drängen darauf, die Alltagsarbeit stärker zu fördern. Eine erneute Anhebung des Rentenalters ist jedoch schwierig. Die Regierung hat diese Klippe umschifft: Nach einer Übergangsphase sollen alle Festangestellten das Recht erhalten, bis zum 70. Lebensjahr auf ihrem Arbeitsplatz weiterzuarbeiten. Weiter wird die Erwerbstätigkeit der Rentner gefördert, indem sie monatlich bis zu 3 900 Franken verdienen dürfen, ohne dass ihre Rente gekürzt wird.

 

Beim Arbeiten bis ins hohe Alter geht es auch ums Geld: Wer länger arbeiten will, kann das. Ihm steht ein neuer Arbeitsvertrag zu. Das Unternehmen darf den Lohn aber kürzen. Im nationalen Durchschnitt derzeit um 40 Prozent, wie einer Dokumentation des SWR zu entnehmen ist. Zudem sind die Renten in Japan nicht üppig. Auch das motiviert  einige Senioren weiterzumachen. Gewerkschaften fordern deshalb, dass Altersarbeit sozialversichert bleibt. 

 

Stellenwert der Arbeit

Viele Japaner wollen nicht nur arbeiten, um Geld zu verdienen – kommunale Arbeitsämter für Senioren vermitteln die meisten Jobs zum Mindestlohn. Da geht es auch um die aktive Teilnahme an der Gesellschaft. Arbeit passt einfach zur gesellschaftlichen Mentalität. Sie hat für die meisten Menschen einen sehr hohen Stellenwert.

 

Diese positive Grundstimmung hilft der Regierung, die Sozialkassen aufzufüllen und auf Einwanderung weitestgehend zu verzichten. Das hat allerdings ihren Preis: sinkende Arbeitsproduktivität. Das Rezept dagegen heisst Digitalisierung und Weiterbildung. Mehrere Universitäten in Japan bieten Senioren Programme für über 50-Jährige, die eine Plattform für lebenslanges Lernen bilden.  

 

Mehr Rechte

Die Mentalitätsunterschiede zwischen der Schweiz und Japan mögen gross sein. Doch trotzdem lassen sich Lehren aus dem Beispiel ziehen: Die Schweizer Wirtschaft holt sich, wenn nötig, ihre Arbeitskräfte aus dem Ausland und ist weniger auf ältere Mitarbeiter angewiesen. Ist Altersarbeit erwünscht, müssen deshalb ältere Arbeitskräfte mehr Rechte erhalten, wie das Recht zur Weiterbildung, Weiterbeschäftigung oder Steuererleichterungen. 

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