Insurtechs in den Sozialversicherungen

21. August 2019, von Professor Martin Eling, Direktor des Instituts für Versicherungswirtschaft der Universität St. Gallen

Während die Digitalisierung bereits viele Branchen grundlegend verändert hat, erfolgt der digitale Wandel in der Assekuranz vergleichsweise langsam. Die Sozialversicherung steht dabei relativ selten im Fokus der Diskussion. Dabei darf aber nicht übersehen werden, dass aufgrund der hohen Interaktionsfrequenz insbesondere die Krankenversicherer durchaus als Vorreiter in der Digitalisierung der Assekuranz zu betrachten sind. Beispielsweise werden dort der allergrös-ste Teil der Belege schon heute vollautomatisiert abgewickelt, ein Wert der für Schadenversicherer in weiter Ferne und für Lebensversicherer unerreichbar scheint.

Drei wichtige Anwendungsbereiche

Das Potenzial digitaler Technologien wird aber bei Weitem noch nicht ausgeschöpft. Die für die Assekuranz relevanten Technologien liegen dabei in den drei Bereichen Datenerfassung und -analyse (z.B. Künstliche Intelligenz, Big Data, Internet der Dinge), Datenspeicherung (z.B. Blockchain, Cloud Computing) und Kommunikation (z.B. Apps, Chatbots, Messenger, Videotelefonie). All diese Technologien haben umfangreiche Anwendungsmöglichkeiten auch in der Sozialversicherung.

Konkret lassen sich drei Anwendungsfelder für die Sozialversicherung aufzeigen. Erstens verändern Technologien wie Versicherer und Kunden interagieren (z.B. im Verkauf oder im Kundendienst). Zweitens bewirkt Digitalisierung die Automatisierung bestehender Geschäfts- und Entscheidungsprozesse (z.B. in der Vertragsabwicklung oder Betrugserkennung). Drittens verändert die Digitalisierung bestehende Produkte (z.B. wearables in der Krankenversicherung) und ermöglicht neue Produktangebote (z.B. Pricing auf Basis von Geo-Daten). Viele der Anwendungen sind bereits in anderen Ländern erprobt, werden in der Schweiz aber auch aufgrund gesetzlicher Hürden nicht verwendet. Beispielhaft sei die Diskussion um die Gesundheits-App der Helsana genannt.

Insurtechs als Kooperationspartner

Darüber hinaus haben die jüngsten Entwicklungen im Bereich Insurtech ein gros-ses Interesse in der Praxis ausgelöst. Insurtechs sind junge Technologiefirmen, welche Teile der Wertschöpfung der Assekuranz durch Technologie grundlegend vereinfachen. Ein Beispiel sind die digitalen Versicherungsbroker wie Wefox und Knip. Zuletzt hat Wefox eine Unfallversicherung in Echtzeit lanciert, Robo-Advisory wird in anderen Ländern schon für die Vorsorgeplanung eingesetzt. Die Insurtechs konzentrieren sich dabei heute mehr auf Kooperationen als auf Rivalität mit traditionellen Versicherern.

Eine wichtige Diskussion im Umfeld der Insurtechs ist dabei die Frage, inwieweit Gross-Unternehmen aus der Technologiebranche (wie etwa Apple oder Google) einen besseren Zugriff auf den Kunden und seine Daten haben. Auch dass ein Konzern wie die Migros in Zusammenarbeit mit Partnern wie der SWICA das Ökosystem Gesundheit umgestaltet ist eine für die Sozialversicherung beachtenswerte Entwicklung. Warum soll denn die Migros und nicht ein Unternehmen in der sozialen Krankenversicherung das Ökosystem Gesundheit orchestrieren?

Risikopooling neu gedacht

Die Digitalisierung wird auch in der Sozialversicherung die Wertschöpfung grundlegend verändern und den Kunden bessere Produkte zu niedrigeren Preisen ermöglichen. Es ist auch offensichtlich, dass die traditionelle Versicherungsidee nicht in Frage steht, da die Bündelung der Risiken und die Realisierung von Diversifikation im Rahmen des Pooling durch die digitale Transformation nicht grundlegend verändert wird.

Die relevante Frage ist vielmehr, wie dieses Risikopooling organisiert werden soll. Sollte dies ein integriertes Dienstleistungsunternehmen (wie die Sozialversicherer heute) leisten oder gibt es in einer digitalen Welt andere Wege, die eine höhere Effizienz ermöglichen?

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