Gesunde Systeme brauchen gesunde Menschen

Altern wird von Wirtschaftsmagnaten als globales Risiko wahrgenommen, das vermehrt zur existenziellen Belastung für unsere Gesundheitssysteme und Altersvorsorge wird. Die Risikoexperten aus der Versicherungsbranche sprachen am World Economic Forum (WEF) vom Megatrend Altern.
In den OECD-Mitgliedstaaten wird sich der Altersabhängigkeitsquotient bis 2075 – die Zahl der über 65-jährigen im Verhältnis zur Bevölkerung zwischen 14 und 65 – verdoppeln. Chinas Altersquotient wird sich bis 2050 verdreifachen.

Verlängerung der Erwerbszeit
Immer mehr ältere Menschen stellen nicht nur ein Risiko für die Gesellschaft dar. Sie bieten auch Opportunitäten. Dies, sofern man Gesundheitsausgaben nicht als Last, sondern als Investitionen in «gesundes Altern» betrachtet. Zweitens: Strategien für die Prävention und Behandlung von chronischen Krankheiten entwickelt. Drittens, mit einer Flexibilisierung der Rentensysteme die Chancen einer Verlängerung des aktiven Erwerbslebens nutzt. Wer gesund altert, belastet das Gesundheitssystem weniger und kann länger arbeiten.
Ein funktionierendes Gesundheitssystem ist somit der Schlüssel, der ein Risiko in eine Chance umwandeln kann.
Ob ein Gesundheitssystem funktioniert, misst sich an seiner Wirksamkeit und der Lebensqualität des Patienten. Aus Sicht des Patienten ist wichtig, dass sich sein aktueller Gesundheitszustand verbessert und dass er sich besser fühlt – zum Beispiel Zuhause bleiben kann statt im Spital zu liegen. Wir müssen unsere Aufmerksamkeit verstärkt darauf richten.
In der Schweiz wird bei der Preisfestlegung eines neuen Medikaments, dessen Auswirkung auf die Lebensqualität bereits berücksichtigt (dies bei Aufnahme in die Liste der von der obligatorischen Krankenversicherung bezahlten Medikamente). Dennoch lassen sich Kosten senken. Dies durch öffentliche Präventionsmassnahmen und eine weiterführende Integration im Gesundheitswesen.

Versicherte in der Verantwortung
Die Pharmaindustrie bemüht sich ihr Image als Kostentreiber zu ändern. So stellt etwa Novartis am WEF folgendes Modell vor: Zuerst wird mit dem Rechnungszahler ein Ziel vereinbart; beispielsweise der Patient muss bei Einnahme des Medikaments einen Fünftel weniger häufig ins Spital. Anschliessend richtet sich die Bezahlung danach, ob dieses Ziel erreicht wird.
Vorstellbar ist auch, dass der Versicherte mehr Verantwortung für seine Gesundheit übernimmt. Wer sich verantwortungslos gegenüber seiner Gesundheit verhält – übermässig Alkohol, Tabak oder Zucker konsumiert und sich kaum bewegt – , soll die finanziellen Konsequenzen, die sich aus Folgeschäden ergeben, selber tragen. Die heutige Solidarität in der obligatorischen Krankenversicherung muss hinterfragt werden: Warum sollte die Gemeinschaft die finanziellen Folgen für das gesundheitsschädigende Verhalten einzelner Gruppen tragen? Die Digitalisierung ermöglicht hier neue Wege zu gehen und Zusammenhänge offenzulegen. Diese gilt es zu nutzen.

Argwohn gegen humanoide Helfer
Im Dienstleistungssektor schafft die Digitalisierung bald neue Preisverhältnisse. Eine neue Generation von Servicerobotern wird die Arbeitswelt, insbesondere auch den Pflegebereich, komplett umkrempeln. Die Tech-Messe CES in Las Vegas macht deutlich, dass die Nachfrage nach humanoiden Helfern vor einem historischen Durchbruch steht. Unternehmen und private Haushalte lassen sich bei Reinigungsarbeiten helfen. Die humanoiden Roboter pflegen in Geschäften, Hotels und an Flughäfen bereits Kundenbeziehungen im Namen ihrer Eigner. Vorausgesetzt, dass die Androide günstiger arbeiten als Menschen, könnten sie im Gesundheitssektor bald für Kosteneinsparungen sorgen. Im Gegensatz zu China fehlt es aber bei einem solchen Einsatz in der Schweiz an Akzeptanz.
Menschen sollen gesund altern. Das muss das Ziel sein. Davon profitieren auch Schweizer Pensionskassen. Eine gute Gesundheit ist die Voraussetzung für längeres Arbeiten. Die aktive Erwerbszeit muss verlängert werden, solange tiefere Renten und höhere Beiträge keinen Gefallen finden. Eine Verlängerung der aktiven Erwerbszeit würde sowohl den Fachkräftemangel als auch das Finanzierungsloch bei den Pensionskassen vermindern.


* Susanne Kapfinger ist Ökonomin und leitet die Redaktion AWP Soziale Sicherheit

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