Fehlendes Sprachrohr

von Susanne Kapfinger, Chefredaktorin AWP Soziale Sicherheit

Bis Ende 2020 werden die Weichen für die Reform der Altersvorsorge gestellt. Ein Teil der Arbeitnehmer ist vom politischen Prozess aber ausgeschlossen. Von den Sozialpartnern kaum vertreten sind Angestellte aus Wissensberufen und besser Qualifizierte aus dem Dienstleistungssektor. Eine stark wachsende Gruppe, die sich im politischen Prozess kein Gehör verschaffen kann.

Erdrutsch beim Bildungsniveau

Der Strukturwandel der Schweizer Wirtschaft hat die Arbeitswelt enorm verändert. Die Entwicklung des Bildungsniveaus macht dies deutlich: Vor 20 Jahren erreichten 25 Prozent der Bevölkerung eine höhere Berufsbildung. Dieser Anteil liegt aktuell bei 44 Prozent und soll bis 2030 gemäss den Prognosen des Bundesamtes für Statistik über 50 Prozent erreichen. Demgegenüber soll der Anteil Personen mit Sekundarstufe II von 60 Prozent in 2000 auf 35 Prozent in 2030 sinken.

Politische Starre

Während in der Arbeitswelt ein Erdrutsch stattfindet, blieb das politische Gefüge unverändert. Auf nationaler Ebene tauschen sich vier Dachverbände der Sozialpartner regelmässig mit dem Bundesrat und dem Parlament aus. Es sind dies Arbeitgeberverband, Gewerbeverband, Gewerkschaftsbund SGB und Travail.Suisse. Die Gewerkschaftsdachverbände vertreten vor allem Arbeitnehmende im produzierenden Gewerbe, dem Baugewerbe, aus Tieflohnbranchen des Dienstleistungssektors und in bundesnahen Betrieben. Sie zählen rund 520 000 Mitglieder, was gut 10 Prozent der Erwerbstätigen sind. Der Sekundärsektor schrumpft jedoch, was sich auch an den sinkenden Mitgliederzahlen spiegelt.

Schweigende Mehrheit

Der stark wachsende Anteil an höher qualifizierten Erwerbstätigen wird hingegen nur am Rande durch die Gewerkschaften präsentiert. Sie haben auch kein eigenes Sprachrohr für politische Anliegen. Es gibt zwar erste Anzeichen eines Wandels: Sechs unabhängige Angestellten- und Berufsverbände haben mit «die plattform» eine erste politische Allianz gebildet. Diese hat weder regionale Anlaufstellen, noch betreibt sie ein professionelles Sekretariat wie SGB oder Travail.Suisse. Zur Allianz gehören: KV Schweiz, Angestellte Schweiz, Kader-Organisation, Zürcher Gesellschaft für Personal-Management ZGP, veb.ch – der Schweizer Verband für Rechnungslegung, Controlling und Rechnungswesen – und Verkauf Schweiz.

Die Mitgliederzahl ist aber mit 88 000 klein. So klein, dass sie zur Nationalen Konferenz zur Wiedereingliederung und sozialen Absicherung von älteren Arbeitnehmenden nicht eingeladen wurde. Auch in der AHV-Kommission und der Kommission für berufliche Vorsorge sind die unabhängigen Angestellten- und Berufsverbände nicht vertreten.

Eine andere BVG-Reform

Dabei wäre es wichtig der schweigenden Mehrheit in der Politik Gehör zu verschaffen, insbesondere wenn es um die Weichenstellung zukünftiger Entwicklungen geht. In der BVG-Reform beispielsweise fordert die unabhängigen Arbeitnehmerorganisationen die gänzliche Abschaffung des Koordinationsabzugs, einen Einheitssatz der Pensionskassen-Gutschriften und den Erhalt des Leistungsniveaus über vorhandene Rückstellungen und Kapitalaufstockungen der einzelnen Pensionskassen. Darüber wollen sie die technischen Parameter – Umwandlungssatz und Mindestzinssatz – entpolitisieren und eine Senkung der Eintrittsschwelle BVG prüfen.

Organisationsbedarf ist gross

Wäre der Organisationsgrad des Tertiärsektors besser, müssten diese Forderungen in der Botschaft des Bundesrates berücksichtig sein. Das ist aber nicht der Fall, weil der einzigen Allianz der Angestellten aus Wissensberufen kaum 2 Prozent aller Erwerbstätigen beigetreten sind. Wären die 44 Prozent der Erwerbsbevölkerung mit höherer Berufsbildung gleich gut organisiert wie die 44 Prozent mit Sekundarstufe II, dann wäre die BVG-Reform eine andere – vielleicht nachhaltigere.

 

 

 

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