Die Alten diktieren, die Jungen verarmen

von Susanne Kapfinger, Redaktionsleiterin AWP Soziale Sicherheit

Ein Alterungs-Tsunami rast auf uns zu. Immer weniger Jüngere stehen immer mehr Älteren  gegenüber. Das führt zu Machtverschiebungen mit weitreichenden Folgen. Am eindrücklichsten lässt sich das am Median-Alter zeigen.

Das Median-Alter teilt die Bevölkerung in zwei gleich grossse Hälften. 50% der Bevölkerung sind jünger und 50% sind älter als das Median-Alter. Hochrechnungen ergeben: Das Median-Alter steigt von heute 42 auf 50 Jahre in 2050. Das zeigt deutlich, dass sich unsere Demokratie zur Gerontokratie wandelt.

Zahlreiche Prioritäten der Senioren

Mehrheiten gibt es nur noch mit und nicht mehr ohne Zustimmung der Senioren. Die gescheiterten Reformen der Altersvorsorge belegen, dass sinkende Renten oder das höhere Renteneintrittsalter politisch nicht durchsetzbar sind. Reformen der sozialen Sicherheit werden schneller angepackt, wenn die ältere Generation davon profitiert.

Beispiel Sozialhilfe und Ergänzungsleistungen: Während der Grundbedarf für junge Erwachsene und Grossfamilien deutlich gekürzt wurde, war der deutlich höher angesetzte Grundbedarf bei den Ergänzungsleistungen zur AHV kaum Bestandteil der Diskussion. Und eine Reform, die verhindern soll, dass alles Geld vor dem Eintritt ins Altersheim ausgeben wird, ist vorerst nur angekündigt. Den Rentnern die Ergänzungsleistungen für Mietzuschüsse zu erhöhen wurde hingegen schnell beschlossen.

Die Umverteilung gegen die Jungen betrifft alle Bereiche der sozialen Sicherheit.  Dabei ist die Quote der Menschen, die unter materiellen Entbehrungen leiden, unter Kindern und Jugendlichen mit Abstand am höchsten (4,8%). Bei den über 65-Jährigen sind nur 1,7% betroffen. Das macht die forcierte Umverteilung und den Ausbau des Rentensystems besonders ungerecht. Die Politik hat die wichtigste Aufgabe des Sozialstaates – die Ärmsten zu unterstützen –  aus den Augen verloren.

Wahlrecht von Geburt an

Die graue Diktatur lässt sich vielleicht durch ein von den Eltern wahrgenommenes Wahl- und Stimmrecht für Kinder ausgleichen. Für Kinder unter 18 Jahren müssten Eltern oder Sorgerechtsvertreter die politischen Interessen bis zu ihrer politischen Volljährigkeit treuhänderisch wahrnehmen.

Das tun sie als Erziehungsberechtigte schon in anderen Bereichen. Wieso nicht auch bei politischen Entscheidungen? So hätten Kinder wenigstens indirekt Macht, ihre enger werdenden Handlungsspielräume vor den ungenierten Eingriffen einer alternden Gesellschaft zu schützen.

Gewünscht ist mehr Demokratie

Das Kinderwahlrecht ist nichts Neues. Es wird seit Anfang der 90er Jahre als ein möglicher Weg zu mehr Demokratie diskutiert. Seit 1997 haben fünf deutsche Bundesländer das Kinderwahlrecht ab 16 auf kommunaler Ebene eingeführt. In Österreich wählt diese Altersgruppe bereits auf Bundesebene. Und parteiübergreifende Fraktionen des deutschen Bundestags wollen das Wahlrecht sogar ab Geburt einführen, während hierzulande die Demokratie langsam aber sicher zur Gerontokratie verkommt.

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