Bewegt Corona die Ratings?

Von Thomas Gut, Compliance Officer der fedafin AG

Als Ratingagentur vergeben wir sogenannte «Through the Cycle (TTC)»-Ratings. Im Gegensatz zu «Point in Time»-Ratings reflektieren TTC-Ratings die fundamentale Bonität eines Schuldners – konjunkturelle Schwankungen nehmen nur untergeordnet Einfluss auf die Kreditwürdigkeit. Unsere Herausforderung besteht zurzeit darin, abzuschätzen, welche ökonomischen Auswirkungen temporärer Natur sind und welche eine Trendwende markieren. Erleidet ein Schuldner «nur» eine kurz- bis mittelfristige Delle im Umsatz, Gewinn und Cashflow, wird das vielleicht den Aktienkurs beeinflussen, aber nicht sein TTC-Rating.

Realwirtschaftlicher Schock
Wir erleben zurzeit einen Nachfrage- und Angebotsschock kombiniert mit einer Reduktion der Produktivität aufgrund des Krisenmanagements. Gleichzeitig steigt die Verschuldung von Unternehmen und der öffentlichen Hand, wenngleich letzteres hauptsächlich in Form von Eventualverbindlichkeiten erfolgt. Der Peak der Pandemie scheint zwar überschritten; wir dürfen ab dem 27. April auf eine graduelle Rückkehr zur wirtschaftlichen Normalität hoffen. Viel Geschirr ist aber bereits zerschlagen: Das Bruttoinlandprodukt BIP wird 2020 sinken, die Arbeitslosigkeit steigen und viele KMU werden Konkurs anmelden müssen. Es ist davon auszugehen, dass dies die Aktienmärkte noch eine Weile umtreiben wird, und die Kurse noch keinen Boden gefunden haben.

Auswirkungen auf öffentliche Hand
Auf der Fremdkapitalseite zeichnen wir für die Schweiz ein weniger katastrophales Bild: Die Bestnote des Bundes durch die internationalen Ratingagenturen ist unter anderem dank der Schuldenbremse nicht in Gefahr. Da besteht ein relativ grosser Puffer, der auch Mindereinnahmen bei Bundes-, Verrechnungs- und Mehrwertsteuern auffangen kann. Die meisten Kantone dürften mit einem blauen Auge davonkommen, obwohl Steuereinnahmen insbesondere von juristischen Personen nachhaltig tiefer ausfallen werden. Ein besonderes Augenmerk muss auf touristenstarke Kantone und Gemeinden gelegt werden. Hier wird sich zeigen, wie schnell die in- und ausländischen Touristen zurückkehren und wie konsumfreudig sie sein werden. Einzelne Herabstufungen werden in den Folgejahren wohl trotz allem unumgänglich sein.

Viele Verlierer, wenige Gewinner
Unternehmensseitig wird sich die Mehrheit der Schuldner im Gleichschritt mit der Konjunktur bewegen. Das heisst: Die meisten werden einen Umsatzrückgang in Kauf nehmen müssen. Dieser ist zurückzuführen auf Konsumeinbruch, Investitionsaufschub sowie den Aufwertungsdruck des Schweizer Frankens. Einige Sektoren werden stärker unter dem Konjunktureinbruch leiden als andere. Zu den Verlierern gehören Automobilzulieferer, Banken, Convenience Food, Flughäfen, Messebetriebe, Personen- und Warentransport, Spitäler, Stromgrosskonzerne sowie der Tourismusbereich. Diese Sektoren werden einen teils massiven Rückgang ihrer Profitabilität erleiden. Auf der Gewinnerseite stehen Pharma- und Biotechfirmen, die ihre Produktion zeitnah anpassen und krisenresistente Produkte vertreiben. Dazu zählen auch jene Akteure aus der Finanzbranche, die Onlinelösungen und bargeldloses Zahlen offerieren oder im Brokerage tätig sind, sowie Psychiatrien.

Einfluss auf Ratings
Die Corona-Krise hat derzeit keinen Einfluss auf unsere Ratings. Vom ersten COVID-19-Fall in der Schweiz am 24. Februar bis Mitte April vergaben wir 127 Ratings. Dabei handelte es sich um 35 Erstratings und 92 Aktualisierungen bestehender Ratings. Die 92 Updates teilen sich auf in 69 Ratingbestätigungen, 15 Herauf- und 8 Runterstufungen. Dabei erfuhr kein einziges Rating eine Veränderung aufgrund der Corona-Krise. Unsere im Quervergleich mit den internationalen Agenturen durchschnittlich konservativere Sicht der Dinge bewährt sich.

Eine periodisch aktualisierte Lageeinschätzung zu COVID-19 finden Sie auf www.fedafin.ch.

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