Angelpunkt Rentendauer

Reformstau: Die Schweiz muss ihre gute Ausgangslage in der Altersvorsorge nutzen, um Anpassungen vorzunehmen. Der Weg führt über automatische Stabilisatoren, meint Helvetia-Chef Stefan Loacker.

Was sollte die Schweiz im Bereich der Altersvorsorge vom Ausland lernen? Hierzu durfte ich kürzlich ein Referat halten. Auf den ersten Blick – wohlwissend um den Spitzenplatz unseres 3-Säulen-Systems – eine schwierige Frage; auf den zweiten Blick – wohlwissend um die zahlreichen Reformbestrebungen im Ausland – eine sehr ergiebige. Denn wollen wir unsere heutige Spitzenposition auch in 20 Jahren inne haben, sind Reformen nötig. Dies zeigt eine aktuelle Studie der HSG.

Die voranschreitende Alterung der Gesellschaft und das anhaltende Tiefzinsumfeld führen dazu, dass die heutigen Rentenversprechen nicht mehr finanziert sind. Bis 2030 soll die Finanzierungslücke in der Schweizer Altersvorsorge im dreistelligen Milliardenbereich liegen. Der Bundesrat hat dies erkannt. Seine Botschaft zur Reform Altersvorsorge 2020 dürfte in naher Zukunft publiziert werden. Für die darauffolgende Debatte bietet der Blick auf die Reformlandschaft im Ausland Impulse.

Reformen in OECD-Ländern in die Praxis umgesetzt
Schliesslich hat eine Mehrheit der OECD-Länder bereits reagiert. So führte eine Vielzahl von Ländern die einst dominante staatliche Vorsorge in ein Mehrsäulensystem über und ersetzte das bisher geltende Leistungs-  durch das Beitragsprimat. Interessant für die Schweiz sind hier drei Dinge: Erstens ist unser Mehrsäulensystem auch 30 Jahre nach dessen Einführung vorbildlich. Zweitens läuft der derzeit diskutierte Ausbau der staatlichen Vorsorge dem Reformtrend im Ausland zu mehr Eigenverantwortung fundamental zuwider. Drittens wäre das reine Beitragsprimat, wie es Schweden kennt, für die Schweiz ein gangbarer Weg um systemfremde Finanzierungslücken in der beruflichen Vorsorge künftig zu vermeiden.
Ein zweiter wichtiger Schritt im Ausland bestand darin, das Verhältnis von Rentnern zu Erwerbstätigen zu senken. Die durchschnittliche Rentendauer beziehungsweise das Verhältnis von Rentnern zu Erwerbstätigen hat sich in der Schweiz seit 1948 beinahe verdreifacht. Eine Mehrheit der OECD-Länder hat hier reagiert und ein Regelrentenalter von mindestens 67 Jahren eingeführt. Dabei wurde in den meisten Ländern zuerst das Rentenalter von Mann und Frau einander angeglichen und in weiterer Folge gemeinsam erhöht. Ein stufenweiser Ansatz mit Opfersymmetrie, der auch für die Schweiz – so das Volk will – Vorbild sein könnte.

Rentenbezugsdauer als Schlüsselgrösse
Doch will das Volk wirklich, ist es dazu bereit? Gerade bei langfristigen, eher schleichenden Prozessen ist ja die Verlockung sehr gross, notwendige Anpassungen nicht vorzunehmen und weiter in die Zukunft zu verschieben. Auch wenn man dadurch kurzfristig vermeintlich profitiert, vergrössern sich offensichtlich die Probleme für die nächste Generation. Entsprechend haben einige Pionierländer in den letzten Jahren automatische Stabilisatoren eingeführt. Droht die Finanzierung der Altersvorsorge in die Schieflage zu geraten, korrigieren diese automatisch nach im Voraus demokratisch festgelegten Regeln. Zu diesen Ländern gehört mitunter Dänemark. Steigt die Rentenbezugsdauer hier über einen Wert von rund 14 Jahren, passt sich das Regelrentenalter automatisch nach oben an. Gerade für die Schweiz, wo seit rund 10 Jahren sämtliche Reformen in der Altersvorsorge gescheitert sind, könnte dieser Ansatz erlauben, an die Pionierrolle der 1970er und 1980er Jahre anzuknüpfen.

 

Man sieht, der Blick ins Ausland gibt einiges her. Die Schweiz hat heute eine Spitzenposition in der Altersvorsorge (siehe Seite 3), von alleine wird dies aber sicher nicht so bleiben. Es sind Anpassungen nötig, der Reformstau der letzten zwei Jahrzehnte muss überwunden werden. Wohin der Weg gehen könnte, zeigt der Blick ins Ausland. Wohin er wirklich gehen wird, entscheidet letzten Endes das Schweizer Volk im Rahmen des politischen Prozesses. Nur wenn sich alle Kräfte für eine langfristig stabile Lösung einsetzen und die notwendigen Veränderungen anpacken, kann die Schweiz ihre gute Ausgangslage optimal nutzen.

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