2. Säule verkleinert Kluft

Susanne Kapfinger, Ökonomin und Leiterin Redaktion AWP Soziale Sicherheit

In den letzten Jahrzehnten hat die Vermögensungleichheit in vielen Ländern zugenommen. Die lange Liste der beitragenden Faktoren umfasst die zunehmende Ungleichheit bei den Arbeitseinkommen, Erbschaften und unterschiedliche Vermögensbestände sowie Anlagerenditen. Zweifellos sind diese Treiber wichtig. Bisher unbeachtet, aber ebenso wichtig, ist die Rolle des Vorsorgesystems. Eine neue Studie  zeigt: Die obligatorische 2. Säule kann die Vermögensungleichheit glätten. Es ist davon auszugehen, dass sie in Zukunft für mehr Gleichheit sorgen wird.

 

Mehrsäulenarchitektur im Trend

In fast allen OECD-Ländern ist in der Altersvorsorge der Übergang zu einer Mehrsäulenarchitektur feststellbar, wobei die Bedeutung der 2. Säule zunimmt. Die Transformation von einem hauptsächlich öffentlichen umlagefinanzierten System zu einem hybriden System mit Kapitaldeckung wirkt sich auf den Vermögensaufbau aus. Allein das sorgt noch für wenig Überraschung: Die Akkumulation von Finanzvermögen mit Zinsen und Dividenden in der 2. Säule ermöglicht insbesondere Haushalten mit niedrigen und mittleren Einkommen den Zugang zu den Finanzmärkten und damit Renditechancen. Dies ist vor dem Hintergrund steigender Kapitalrenditen relevant.  

 

Für mehr Überraschung hingegen sorgt die Verbindung zur Vermögensungleichheit. In Dänemark hat die Stärkung der 2. Säule massgeblich zum Rückgang der Vermögensungleichheit im Zeitraum von 1992 bis 2017 beigetragen: Der Gini-Koeffizient der dänischen Haushalte, der die Verteilung der Nettovermögen misst, hat sich im Verlauf von 20 Jahren von 0,86 auf 0,7 verringert. Das entspricht einem Rückgang um 19 Prozent. Zum Vergleich: In der Schweiz beträgt der Gini-Koeffizient gemäss Bundesamt für Statistik 0,85 – die Vermögensungleichheit ist im Vergleich zu Dänemark grösser. 

 

Mehr Wohneigentum

Dass die Ausgestaltung des Rentensystems einen quantitativ signifikanten Einfluss auf die Vermögensverteilung hat, ist nicht der einzige Befund der  Studie «Pension Reform and Wealth Inequality». Ein weiterer Befund ist: Die Erhöhung des Pensionskassenvermögens um 1 Franken, steigert die Haushaltsverschuldung um 42 Rappen. Die Verschuldung steigt, indem Hypotheken aufgenommen werden um Immobilien zu kaufen. Mit anderen Worten: Obligatorische Pensionskassenbeiträge führen zu höheren Wohneigentumsquoten und Bruttoverschuldungen.

 

Gleichmässigere Verteilung

Dänemark hat in den letzten Jahrzehnten wegen des Umbaus im Vorsorgesystem einen Rückgang in der Vermögensungleichheit erlebt. Im Gegensatz dazu zeigen sich die Regierungen in anderen OECD-Ländern immer noch besorgt über die Zunahme der Vermögensungleichheit und ringen um Gegenmassnahmen. In der Regel steht die Vermögensbesteuerung im Zentrum der Diskussion. Doch die aktuelle Untersuchung zeigt, dass es auch andere Möglichkeiten gibt, der Vermögensungleichheit entgegenzuwirken – und zwar Rentenreformen. 

 

Es ist davon auszugehen, dass die in den verschiedenen OECD-Ländern eingeleiteten Reformen zur Stärkung der 2. Säule ähnlich wie in Dänemark die Vermögensverteilung verändern wird. Empirische Untersuchungen dazu fehlen noch – so auch in der Schweiz. Trotzdem sollte dieser Aspekt in der Diskussion um die hiesige Rentenreform nicht unbeachtet bleiben. Vor allem wenn es um die Austarierung der beiden Säulen geht. 

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