Wie KI die Vorsorge verändert

Martin Eling, Professor für Versicherungswirtschaft an der Universität St. Gallen

Kaum eine technologische Entwicklung prägt unsere Zeit so stark wie die Künstliche Intelligenz (KI). Während ihre Auswirkungen in der Medizin oder im Schadenmanagement der Versicherungen bereits sichtbar sind, steht die Altersvorsorge noch am Anfang einer tiefgreifenden Transformation. Eine aktuelle Studie der Universität St.Gallen zeigt, wie gross die Chancen, aber auch die Risiken sind. In einer Befragung von 75 Expertinnen und Experten von Versicherungen, Banken und Pensionskassen ergab sich ein klares Bild: KI wird die Altersvorsorge in den kommenden Jahren effizienter, individueller und transparenter machen – sofern Datenschutz, Datenqualität und ethische Leitplanken stimmen.

 

Routine ade

Am stärksten wird der Nutzen bei der Automatisierung und Effizienzsteigerung gesehen. Routineaufgaben in der Verwaltung lassen sich dank KI schneller und kostengünstiger erledigen – ein wichtiger Hebel angesichts des Kostendrucks im Vorsorgewesen. Auch die Finanz- und Vorsorgebildung dürfte profitieren: KI-gestützte Lernplattformen können Wissen individuell vermitteln und so das Verständnis für komplexe Vorsorgethemen verbessern. Gleichzeitig besteht die Sorge, dass mit der Automatisierung auch klassische Tätigkeiten in der Sachbearbeitung oder im Kundendienst verschwinden. Die Herausforderung besteht darin, Effizienzgewinne zu nutzen, ohne wertvolle Erfahrung und persönliche Beratungskompetenz zu verlieren.

 

Vorsorge nach Mass

Ein weiteres Feld mit grossem Potenzial ist die personalisierte Vorsorgeplanung. KI kann Finanz-, Gesundheits- und Lebensstildaten zusammenführen und daraus massgeschneiderte Vorsorgeempfehlungen ableiten. So könnten Vorsorgepläne künftig dynamisch auf Veränderungen in Beruf, Einkommen oder Gesundheit reagieren. Doch der Fortschritt hat Grenzen. Die befragten Expertinnen und Experten warnen vor neuen Risiken – insbesondere algorithmischen Verzerrungen (Bias), also systematisch fehlerhaften Entscheidungen, die aus unausgewogenen Trainingsdaten entstehen können. Ebenso wichtig bleibt der Schutz sensibler persönlicher Daten. KI-Systeme müssen so gestaltet werden, dass Transparenz, Nachvollziehbarkeit und menschliche Kontrolle gewahrt bleiben.

 

Algorhythmus entscheidet

Langfristig könnte KI auch die Anlagepolitik der Pensionskassen verändern. Algorithmen analysieren Markt- und Stimmungsdaten in Echtzeit und können dadurch Anlageentscheidungen verbessern. Gleichzeitig drohen neue systemische Risiken, wenn viele Marktteilnehmer auf ähnliche Modelle setzen. Auch deshalb braucht es klare Regeln, wie KI eingesetzt werden darf – ähnlich wie es die EU mit dem neuen AI Act vorsieht. Nur so lässt sich Vertrauen schaffen, das für eine erfolgreiche Transformation zentral ist.

 

Hybrid kommt und bleibt

Die Studie zeigt: KI wird die menschliche Beratung in der Altersvorsorge nicht ersetzen, aber ergänzen und erweitern. Die Zukunft liegt in hybriden Modellen, in denen Mensch und Maschine zusammenarbeiten. Für Pensionskassen bietet das die Chance, Verwaltungskosten zu senken, die Beratungsqualität zu erhöhen und den Versicherten eine individuellere Vorsorge zu ermöglichen – vorausgesetzt, der Einsatz erfolgt verantwortungsvoll und transparent.

 

Künstliche Intelligenz eröffnet damit auch im Bereich der Altersvorsorge eine neue Ära: nicht als Ersatz menschlicher Kompetenz, sondern als Werkzeug, um komplexe Systeme verständlicher, effizienter und gerechter zu gestalten. Die kommenden Jahre werden zeigen, ob es gelingt, die technologische Dynamik in einen echten gesellschaftlichen Mehrwert zu verwandeln.