«Geduld ist die härteste Disziplin»

Susanne Kapfinger: Baillie Gifford ist bekannt für konzentriertes Wachstumsinvestieren mit einem Anlagehorizont von 5 bis 10 Jahren. Wie gelingt es Ihnen, diese Geduld in einer von Quartalszahlen getriebenen Finanzwelt institutionell zu verankern?

Anna Bretschneider: Diese Geduld ist kein Selbstzweck, sondern das Ergebnis einer bewussten Unternehmensstruktur. Baillie Gifford ist eine private Partnerschaft mit «unlimited liability» – die Partner haften unbeschränkt mit ihrem Privatvermögen. Das ist unsere stärkste Waffe gegen den kurzfristigen Druck. Und die Vergütung unserer Investoren basiert auf fünfjährigen Performance-Zeiträumen, nicht auf Jahresboni. 

Wie lohnenswert ist Ihre Geduld?

Das beste Beispiel ist Nvidia. Wir haben 2016 investiert, als das Unternehmen noch als Chip-Lieferant für Grafikkarten galt. Seitdem ist der Kurs um das 10-Fache gestiegen. Aber wir mussten auch durch Phasen, in denen Nvidia zwischenzeitlich über 40 Prozent an Wert verlor. Das auszusitzen, ist schwer – aber genau das ist unser Job. 

Wer aber auf das falsche Pferd setzt, dem hilft auch Geduld nichts. 

Ja, es gibt auch Fälle, bei denen unsere Geduld nicht belohnt wurde. Wir haben an einigen Unternehmen festgehalten, deren Durchbruch nie kam. Das gehört aber dazu. Wer denkt, es gibt nur Gewinner, hat das Geschäft nicht verstanden. Unser Ansatz basiert auf dem Prinzip der «asymmetrischen Renditen»: Ein kleiner Teil der Unternehmen generiert den gesamten Mehrwert eines Portfolios.

Profitieren passiv gemanagte Fonds nicht gleichermassen von Zugpferden wie ihr aktives Management?

Nein, denn passive Fonds sind zwar exzellent für die Abdeckung des Marktes,  aber sie können keine Überrendite erzielen. Und die Fakten sind klar: Weniger als 5 Prozent der globalen Aktien generieren den gesamten Mehrwert des Aktienmarktes. Diese 5 Prozent zu identifizieren und dann über Jahre zu halten – das kann nur ein aktiver Manager, der bereit ist, von der Benchmark abzuweichen. Ein Pensionskassen-Portfolio braucht beides: einen kostengünstigen Kern für die Marktrendite und konzentrierte, aktive Beimischungen für die Überrendite. Wir sehen uns als Partner für den zweiten Teil. Die Überrendite geht jedoch mit erhöhter Volatilität einher. Unsere besten Investments haben zwischenzeitlich 40 bis 60 Prozent an Wert verloren. Wer das nicht aushält, verpasst auch die Superrenditen.

Wie funktioniert Ihr Ansatz in verschiedenen Marktphasen?

Wir sehen grosse Phasen des strukturellen Wandels. Die Einführung des Internets, die Mobile-Revolution, jetzt die KI – das sind Chancen, die wir nutzen. Problematisch wird es in längeren Phasen der Stagnation oder wenn Wachstumsaktien unbeliebt sind und eine schwere Zeit haben. Die Jahre nach Covid 2021/2022 waren schwierig für uns, weil die Märkte von defensiven Werten und Zyklikern dominiert waren. Wir haben damals trotzdem an unseren Wachstumstiteln festgehalten – und wurden in 2023/2024 belohnt. Aber ich will nichts beschönigen: Wenn jemand kurzfristige Outperformance sehen möchte, kann ich ihm nicht helfen. Unser durchschnittliche Aktie liegt oft zehn Jahre im Portfolio. Das ist eine völlig andere Zeiteinheit.

Welches sind die wichtigsten Trends im Asset Management?

Wertschöpfung findet zunehmend im Privatmarkt statt. 87 Prozent der US-Firmen mit über 100 Millionen Dollar Umsatz sind nicht börsennotiert. Das ist unsere Spielwiese, da wir in «Private Growth Equity» investieren – auch nach dem Börsengang. Daraus ergibt sich meist ein Vorteil, weil wir nach dem IPO nicht verkaufen müssen. Ein weiterer Trend ist KI im Research. Sie ersetzt zwar nicht das Urteilsvermögen, filtert aber das Rauschen.