«Digital, personalisiert und vernetzt»

Es wird Vorsorgedashboards geben, die Lücken aufzeigen oder Lebensereignisse simulieren, sagt Michael Müller, Projektleiter Open Pension bei SFTI und Partner Acrea.
Susanne Kapfinger: Wie soll die nächste Generation der digitalen Vorsorge aussehen?
Michael Müller: Die nächste Generation der digitalen Vorsorge wird säulenübergreifend, personalisiert und klar lösungsorientiert sein. Den Zugang zur gesamten Vorsorgeübersicht wird durch diverse Vorsorgedashboards vereinfacht, die auf einem zentralen Pension Tracking System basieren.
Was muss man sich unter einem Vorsorgedashboard vorstellen?
Ein solches Vorsorgedashboard zeigt beispielsweise Vorsorgungslücken auf. Aber nicht nur: Es ermöglicht auch die Simulation von Lebensereignissen wie Familiengründung, Invalidität, Todesfall oder Scheidung und macht konkrete Verbesserungsmöglichkeiten sichtbar. Gleichzeitig eröffnet es direkte Zugänge zu passenden Lösungen wie zum Beispiel einem PK-Einkauf, 3a-Einzahlungen oder zu weiterführenden Informationen.
Heisst das, dass die Versicherten bei Vorsorgefragen vollautomatisierte Antworten erhalten?
Nicht unbedingt. Die digitale Ansprache wird verständlich und motivierend sein – beispielsweise mit nur X Franken pro Monat kannst du deine Rente um X Franken erhöhen. Die Antwort bleibt aber in die Möglichkeit eines persönlichen Austauschs eingebettet. Die Komplexität der Vorsorge und der Wunsch nach einem menschlichen Gegenüber bleibt auch bei der digitalen Vorsorge bestehen. Perspektivisch entwickelt sich das System in Richtung vernetzter Open Finance Ökosysteme, ergänzt durch KI gestützte Assistenten, die Vorsorgeinformationen intelligent verknüpfen und aufbereiten.
Wie weit sind wir noch davon entfernt?
Die politischen und technischen Grundlagen sind geschaffen oder im Aufbau: E-ID, API-Standards, QR-Codes für den digitalen Vorsorgeausweis, Multibanking und erste Vorsorgedashboards sind real. Internationale Beispiele wie Singapur mit «sgfindex» zeigen zudem, dass datenbasierte Konsolidierung rasch hohe Nutzerakzeptanz und messbare Wirkung erzielen kann. Wenn Menschen einen einfachen Überblick über ihre Daten erhalten, steigt auch die Bereitschaft zu handeln.
Welche weiteren Schritte müssen auf dem Weg zur digitalen Vorsorge genommen werden?
In der Schweiz fehlt noch eine übergreifende Datenaustausch-Architektur sowie eine tragfähige, inklusive Governance über alle drei Säulen hinweg. Zusätzlich sind potenziell gesetzliche Anpassungen – etwa im Rahmen der nächsten BVG-Revision – erforderlich, um einen standardisierten Datenaustausch mit zentralen Infrastrukturelementen rechtlich zu stützen.
Das scheint ein langer Weg.
Realistisch betrachtet ist eine flächendeckende nationale Umsetzung eines Pension Tracking Systems kaum vor einem Zeithorizont von rund fünf Jahren zu erwarten.
Wo orten Sie die grössten Hindernisse?
Die grössten Hindernisse liegen weniger in der Technologie, denn die wesentlichen Bausteine sind vorhanden, sondern vielmehr in Struktur, Koordination und Governance. Die drei Säulen sind institutionell unterschiedlich organisiert, was eine einheitliche Steuerung erschwert. Bislang fehlt eine gemeinsam getragene Entscheidung zur Datenaustauscharchitektur und zur übergreifenden Infrastruktur.
Lohnt sich der Aufwand?
Es ist klar, dass digitale Lösungen echten Mehrwert schaffen müssen. Es ist die Rolle von weiteren Pilotprojekten, diesen konkreten Nutzen sichtbar zu machen und damit die Grundlage für Akzeptanz und Skalierung zu schaffen. Das gemeinsame Ziel muss sein, die Versicherten in ihrer Selbstbestimmung zu stärken.

