«Aktives Management ist zurück»

Susanne Kapfinger: Sie sprechen sich für aktives Management aus – ist das nicht Wunschdenken in einem ETF-dominierten Markt?

Viviane Sorg: Wir sehen eine Rückkehr zum aktiven Management, allerdings mit einem differenzierten Ansatz. Viele institutionelle Anleger kombinieren heute in Multi-Asset Portfolios eine aktive taktische Vermögensallokation mit passiven Bausteinen. 

Was heisst das genau?

Das heisst, sie steuern aktiv Über- und Untergewichtungen bei Aktien oder Anleihen, nutzen aber für die Umsetzung passive Instrumente. Der reine passiv-passiv-Ansatz, bei dem man permanent innerhalb der Benchmark bleibt, wird zunehmend infrage gestellt – gerade in Zeiten hoher Volatilität wollen unsere Kunden agieren können.

Sie nennen die taktische Vermögensallokation als Renditequelle. Kann ein aktiver Manager in der Praxis wirklich besser timen als der Markt?

Timing ist das Schwierigste überhaupt – das wissen wir. Aber wir haben einen strukturierten Prozess, der uns hilft. Entscheidend ist: Bei uns sitzen die Ökonomen und Portfoliomanager im gleichen Team. Aktuell führt das dazu, dass aufgrund der gesamtheitlichen Makrolage bei einigen Kunden Gold beigemischt wird.

Gold wirkt aber bei positiven Realzinsen nicht attraktiv. Warum trotzdem?

Gold hat in den letzten Jahren trotz höherer Realzinsen eine starke Performance gezeigt. Dies hat mit seiner Eigenschaft als geopolitischer Hedge und Portfoliodiversifikator zu tun. Seit 2022 sehen wir, dass Aktien und Anleihen wieder korrelieren können – ein Phänomen, an das sich die älteren Investoren gut erinnern können. Gold und andere Rohstoffe helfen, um das Portfolio besser zu diversifizieren.  Kommt dazu, dass die grossen Zentralbanken – allen voran China – ihre Goldreserven massiv ausbauen. Wir sehen Gold deshalb als taktisches Instrument in einem aktiven Multi-Asset-Portfolio.

 

Ein weiterer Trend in Multi-Asset-Strategien ist die Integration von Private Markets. Wie lösen Sie hier das Liquiditätsproblem?

Wir mischen Private Assets nicht einfach in liquide Tagesmandate. Für Kunden mit langem Anlagehorizont bauen wir massgeschneiderte Lösungen mit klar definierten Illiquiditätsklassen, die Private Equity, Private Debt oder Private Real Estate enthalten können. So haben wir für manche Stiftungen beispielsweise Multi-Asset-Mandate mit 30 Prozent Private Assets umgesetzt. Diese Kunden können langfristig denken und haben keinen Liquiditätsdruck. Bei Standard-Pensionskassen ist das anders – dort bleibt der Private-Equity-Anteil überschaubar, und gesteuert wird über die liquiden Teile.

Sie haben zuletzt eine KI-gestützte Strategie namens Quest AI lanciert. Ist das die Zukunft des aktiven Managements?

Der Einsatz von KI wird immer bedeutender, damit erweitern wir unser Toolkit. Unsere Quest AI-Strategie ist eine quantitative Anlagestrategie, die mit über 400 Signalen arbeitet – von Finanzkennzahlen über Makrodaten. Das Modell wird vierteljährlich neu trainiert und hat seit Auflage im März 2024 eine stabile Überperformance von etwa 1,5 Prozent per annum erzielt. Das klingt nach wenig, ist aber konstant – und genau das zählt.

Warum nutzen Sie KI nicht auch für die taktische Vermögensallokation?

Das ist ein wichtiger Punkt. Derzeit setzen wir KI vor allem in quantitativen Strategien für die Selektion ein – nicht für die makroökonomische Allokation. Die Entscheidung, ob wir Aktien als Anlageklasse über- oder untergewichten, bleibt beim Menschen. Wir sind überzeugt, dass KI dort am stärksten ist, wo sie Muster in riesigen Datenmengen erkennt. Die strategische Richtung gibt aber weiterhin das Team vor. In Zukunft könnte sich das ändern – aber heute ist die Kombination aus menschlicher Makrosteuerung und KI-gestützter Titelauswahl der beste Ansatz.